Rheinpfalz/Ludwigshafener Rundschau vom 11.09.2021

Vor den Nazis nach England geflohen

Weitere Stolpersteine im Stadtteil Süd gesetzt

Von Andrea Döring

Fünf Stolpersteine erinnern seit Donnerstag in der Beethovenstraße an das Schicksal der jüdischen Familie Koebner. Eine Klasse der Anna-Freud-Schule hat die besondere Gedenkfeier gestaltet. „Manchmal denke ich, ich bin wie ein Baum, den man versetzt hat, ohne dass er neue Wurzeln in einem neuen Land gefunden hat“, sagte der Ludwigshafener Adolf Koebner. Ihm, seinen Geschwistern und seinen Eltern gelang nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Flucht nach England. Sein Vater Max Koebner, Chefchemiker bei der Firma Raschig, und seine Frau Mirjam ließen ihr Hab und Gut in Ludwigshafen zurück. „Es ist gut, den Menschen zu zeigen, dass man an sie denkt“, findet Maja Meißner. Wie viele ihrer Mitschüler der Anna-Freud-Schule hat sie die Stolpersteine im Unterricht kennengelernt. Ethik-Lehrer Rainer Rannow hatte in seinen Stunden Vorurteile, Stereotypen und Rassismus zum Thema gemacht. Zusammen mit ihm, den Schulsozialarbeiterinnen Shilan Dewitz und Tanja Riegger und Referendar Daniel Welke begannen die Schüler der Höheren Berufsfachschule Sozialassistenz ein Projekt zum Thema Stolpersteine. Diese kleinen Gedenktafeln im Boden erinnern an das Schicksal der Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Ihren Platz finden die Messingtafeln vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer. Einige Nachfahren der Familie Koebner waren bei der Feier am Donnerstag per Livestream dabei. Lebhaft hat die Klasse diskutiert, ob eine Verlegung im Boden nicht bedeutet, das Schicksal der Opfer mit Füßen zu treten. „Man muss sich darüber beugen und in die Knie gehen, um die Inschrift lesen zu können“, sagt Aileen White. Zusammen mit ihren Mitschülern legte sie weiße Rosen neben den Stolpersteinen auf den Gehweg vor dem Haus. Von hier aus hatte es Max Koebner nicht weit zur Arbeit. Bei der Firma Raschig war er seit 1899 Chefchemiker und Leiter des wissenschaftlichen Labors. An der Entwicklung des Kunstharzes Vitalite und von Kunstharz-Pressmassen war er maßgeblich beteiligt. Die synthetische Billardkugel ist seine Erfindung. Von der Firma Raschig war niemand zur Feier gekommen. Karin O’ Hagan von der Personalabteilung bedauert dies. „Wir hätten mit Sicherheit reagiert, wenn die Einladung die richtige Person erreicht hätte“, erklärte sie auf Nachfrage. Mit seiner Frau Mirjam und den Kindern feierte der Ludwigshafener die jüdischen Feste. Zur Bar Mizwa der Kinder kamen viele Gäste in die Beethovenstraße. Hans, Ruth und Adolf gelang bereits 1933 auf Betreiben des Vaters die Ausreise. Trotz der schlechten Zeiten konnten sie in England und Palästina studieren. Nur mit Handgepäck schafften Max und Mirjam Koebner 1938, ihren Kindern zu folgen. In Ludwigshafen hatte man dem Chemiker als Geheimnisträger den Pass entzogen. In Mannheim, wo er weniger bekannt war, gelang es dem Ehepaar, eine Genehmigung für eine Urlaubsreise zu bekommen, von der sie nicht nach Ludwigshafen zurückkehrten. Flucht und Vertreibung, dieses Schicksal traf Menschen nicht nur im 20. Jahrhundert. Große Hoffnung für die Zukunft setzte Adolf Koebner 1990 in einem Interview auf die jungen Menschen. Die Schüler der Anna-Freud-Schule haben einen Teil dazu beigetragen, dass Geschichte sich nicht wiederholt.

Einladung zur Stolpersteinverlegung in Gedenken an die Familie Koebner

Die Anna-Freud-Schule BBS möchte sie herzlich zur Stolpersteinverlegung in Gedenken an die Familie Koebner am 09.09.2021 um 14:30 Uhr in der Beethovenstraße 16 in Ludwigshafen einladen.

Hier finden sie den Flyer zu der Veranstaltung.

Im Rahmen der Projektarbeit zum Thema Stolpersteine wird einer unsere Klassen der Höheren Berufsfachschule Sozialassistenz (BFSH 20a) die Gestaltung der Stolpersteinverlegung übernehmen.

Das Projekt wird in Kooperation mit Lehrkräften Ethik und der Schulsozialarbeit umgesetzt. Dabei setzt sich die Klasse mit den Themen: Rassismus, Diskriminierung und Diversity auseinander.

Die Klasse beschäftigt sich mit der Bedeutung der Stolpersteine und den Opfern des Nationalsozialismus in Ludwigshafen, insbesondere mit dem Schicksal der Familie Koebner.

Die Gestaltung der Stolpersteinverlegung sowie die Vorbereitung und Organisation der Stolpersteinverlegung ist Teil der Projektarbeit.

Shilan Dewitz (Projektleitung)

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